Montag, 7. November 2011

Der Papst, die Worte und
die Frage nach dem Wesentlichen

Von Dr. Gerhard Hofweber

Wenn Worte wertvoll sind, dann hängt von der Qualität der gesprochenen und geschriebenen Sprache einiges ab. Aber was macht den Wert der Worte aus? In letzter Zeit hat Papst Benedikt XVI. ein Lehrbeispiel dafür geliefert. Ausgerechnet der Papst, möchte man sagen, wo es doch gerade bei ihm soviel Anlass zur Kritik und Empörung gibt. Aber was es damit auf sich hat, wird vielleicht deutlicher, wenn wir uns zunächst dem von ihm geäußerten Gedanken zuwenden und uns dann fragen, inwiefern wir dadurch erfahren können, was Worte wertvoll macht.

In seiner Rede vor dem deutschen Bundestag – und allein darauf beziehen sich die folgenden Gedanken – geht der Papst auf die Frage nach dem Recht als dem Ziel des Staates ein. Dabei stößt er auf das bekannte Problem, dass geltendes Recht Unrecht sein kann, wie unter anderem der Nationalsozialismus gezeigt hat. Diejenigen, die sich gegen das positive Recht auflehnen und welche aus der Perspektive desselben als Verbrecher erscheinen, handeln eigentlich gerecht. Aber wie lässt sich der Unterschied zwischen geltendem und eigentlichem Recht erkennen? Woher können wir einen Maßstab nehmen, positives Recht nach seiner Gerechtigkeit zu beurteilen?

An dieser Stelle sagt nun der Papst etwas Bemerkenswertes, und er spricht selbst davon, dass "man sich schon beinahe schämt", davon zu sprechen. Es gibt nämlich einen Maßstab, nachdem sich bewerten lässt, was Recht und Gerechtigkeit ist. Dieser Maßstab ist nichts anderes als die Vernunft. Damit ist gesagt, dass wir durch und in der Vernunft erkennen können, was Gerechtigkeit tatsächlich ist. Wir stoßen dabei auf den Begriff des Naturrechts, also eines Rechts, das von Natur aus ist und zwar derart, dass darin Recht, Vernunft und Moralität übereinkommen. Der Begriff der Menschrechte basiert auf dieser Idee des Naturrechts.

Wieso aber sollte man sich "beinahe schämen", davon zu sprechen? Weil wir uns unter der Herrschaft der positivistischen Vernunft befinden. Aus der positivistischen Perspektive betrachtet haben Moral, Wahrheit, Vernunft und Naturrecht keinen Platz mehr. Warum nicht? Weil das Denken auf Messbarkeit und Berechenbarkeit reduziert ist. Weil Wahrheit nur noch subjektiv verstanden wird. Weil jeder Anspruch auf Objektivität als totalitär, dogmatisch und kulturchauvinistisch diffamiert wird. Weil der Hinweis auf die Möglichkeiten des vernünftigen Erkennens als etwas hoffnungslos Naives abgetan wird.

Der Papst spricht hierbei von einer "dramatischen Situation", zu welcher es dringend einer öffentlichen Diskussion bedürfe. Aber diese Diskussion findet nicht statt, weil es aus positivistischer Perspektive gar keinen Diskussions- oder Handlungsbedarf gibt. Ohne diese Diskussion zu führen, kommen wir aber bei den genannten Themen nicht weiter. Das Wesentliche ist die Auseinandersetzung mit dem positivistischen Denken und der Rückbesinnung auf die Möglichkeiten der Vernunft. Unter "dem Wesentlichen" wird dabei dasjenige verstanden, was Grund für alles andere ist. Ohne den Grund des positivistischen Denkens können auch die auf diesem basierenden Begriffe von Recht, Wahrheit, Moral etc. nicht sein.

Doch unser Thema lautet ja: Was macht Worte wertvoll? Und: Was können wir diesbezüglich aus der Rede des Papstes lernen?

Wertvoll sind Worte dann, wenn sie das Wesentliche ausdrücken. Es gibt somit neben den Kriterien der Aktualität, des Nachrichtenwerts, der Seriosität der Recherche und anderem noch etwas Wichtigeres: die Frage, ob Worte das Wesentliche ausdrücken oder nicht. Dieses Wesentliche vollzieht sich meist im Stillen. Es ist unspektakulär und scheint nicht sonderlich aktuell zu sein. Aber auch wenn sich das Wesentliche im Stillen und Verborgenen abspielt, ist es doch dasjenige, was alles andere bestimmt und leitet. Friedrich Nietzsche drückte dies einmal wunderbar aus:

"Die stillsten Worte sind es, die den Sturm bringen. Gedanken, die auf Taubenfüßen kommen, lenken die Welt."

Das ist es, was Worte wertvoll macht: die Fähigkeit, das Wesentliche zu erkennen und der Mut, das Wesentliche auszusprechen. Auch wenn man sich dabei vielleicht manchmal ein bisschen schämt.

Dr. Gerhard Hofweber ist akademischer Rat für Philosophie an der Universität Augsburg
und Inhaber des
Instituts für Philosophie und Wirtschaft.

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