Dienstag, 4. Oktober 2011

Lack auf der Kühlerhaube

von Haug von Kuenheim

"Es wäre eine reine Freude", schrieb einmal Fritz Richert, in den siebziger Jahren Ressortleiter bei der Stuttgarter Zeitung, "Journalist in diesem Land zu sein, wenn die Bundesbürger so viel acht auf die Sprache gäben wie auf den Lack ihrer Autos".

Sicher, wenn wir uns unterhalten, daheim oder in der Kneipe, müssten wir schon kleine Genies sein, sprächen wir druckreif, würde das, was wir ausdrücken wollen, Bestand haben vor den kritischen Augen eines Menschen, der sicher im Stil ist und die deutsche Grammatik beherrscht. Machen wir uns nichts vor, da wird viel geschludert. Aber wenn wir schreiben, was auch immer und für wen auch immer, so sollte der deutschen Sprache doch Respekt erwiesen werden. Ich fand dies Beispiel, wo der Autor unsere Sprache regelrecht verhunzt, bei Wolf Schneider, dem kritischen Begleiter unserer journalistischen Zunft: "Innovation des Konsums durch Investition in marktgerechte Verkaufsräume durch kostensenkende Arbeits- und Abrechnungsabläufe wird der Beitrag des Handels zur Konjunkturbelebung sein."

Dieser Satz eines Managers ist keine Ausnahme. Politiker, Beamte, Wissenschaftler entwickeln zu gerne eine Sprache, die nur ihresgleichen versteht und den Eindruck vermittelt, sie werde auch nur für diesen Kreis Eingeweihter geschrieben. Fachjargon für Experten. Sie halten das für seriös.

Ja, ob wir Journalisten es wollen oder nicht, wir müssen uns anmaßen, zuständig für die deutsche Sprache zu sein. Trotz Zeitdruck, Hektik und sich überschlagender Meldungen, die in kürzester Zeit bearbeitet werden müssen, tragen wir die Verantwortung für gutes Deutsch. Für ein Deutsch, das der Leser auf Anhieb versteht. Journalismus ist ausschließlich Dienst am Leser. Auch dann, wenn diesem der Lack auf der Kühlerhaube seines Autos wichtiger ist als die Pflege seiner Muttersprache.

Haug von Kuenheim ist Journalist, Buchautor
und ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der Zeit.

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