Dienstag, 27. September 2011

Wie viel sind Worte wert?

von Dr. Gerhard Hofweber

Die Worte und der Wert derselben befinden sich in bester Gesellschaft. Es ergeht ihnen ebenso wie der Bildung, der Moral, der Ehrlichkeit, dem Anstand oder der Verwirklichung der eigenen Träume: Alle werden für wertvoll gehalten, für sehr, sehr wertvoll, nur – kosten dürfen sie nichts.

Entweder ist man der Meinung, man müsse zuerst die finanzielle Dimension erfüllt haben, um sich dann diese Werte als eine Art Luxus leisten zu können - oder, man dürfe sie gerne wertschätzen, ja, man solle das sogar, aber eben nur dann, wenn sie nichts kosten. Beide Fälle machen eines deutlich: Der ökonomische Maßstab, ob sich eine Sache rechnet, ist der entscheidende geworden, wenn der Wert einer Sache bestimmt werden soll. Dieser Wert lässt sich in einer Zahl ausdrücken, egal, ob von der Rendite, dem Gewinn oder der Wertsteigerung die Rede ist. Die ökonomische Zahl ist somit der Maßstab für den Wert.

Welchen Wert kann dann noch etwas haben, dass sich nicht in diesem Sinne in Zahlen ausdrücken lässt? Natürlich keinen mehr. Dies trifft aber gerade für die obersten Werte zu: Freiheit, Liebe, Gerechtigkeit, Moralität, Wahrheit und selbst Glück. Die ehemals obersten Werte müssen sich heute dem Diktum des Gewinns beugen.

Wir stehen damit in einer geistigen Strömung, die in ihrer ganzen Reichweite zum ersten Mal von Georg Wilhelm Friedrich Hegel vor 200 Jahren erkannt worden ist und die sich vielleicht am deutlichsten mit den Worten Friedrich Nietzsches und Martin Heideggers beschreiben lässt. Nietzsche spricht um 1885 vom Nihilismus. Damit ist eine geistige Umwälzung gemeint, die nach Nietzsche die Welt für 200 Jahre in Atem halten wird. Nihilismus bedeutet, dass die obersten Werte sich entwerten. Sie werden nicht entwertet, sondern sie entwerten sich selbst, sie verlieren ihre Verbindlichkeit, geben keinen Halt mehr und sind nicht mehr erstrebenswert. Martin Heidegger greift diesen Gedanken auf und spricht von der planetarischen Herrschaft des verrechnenden Denkens. Alles, so Heidegger, wird überhaupt nur noch als seiend angesehen, wenn es sich rechnet, dies heißt, auf seinen Nutzen verrechnet werden kann. Daher wird die Frage: „Was bringt mir das?“ zur maßgebenden Frage. Diese Denkensart bestimme inzwischen den ganzen Planeten. Heidegger stellt diese Überlegungen circa 1930 an, zu einer Zeit also, als die Idee der Globalisierung in ihrem heutigen Ausmaß überhaupt noch nicht vorstellbar war.

Wenn es gelingen soll, den Wert der Worte – und zwar den Wert der richtigen Worte – zu schätzen, dann wird es notwendig sein, sich damit auseinander zu setzten, welche geistige Strömung unsere Zeit beherrscht und wie man in ihr den Wert der obersten Werte wieder erfahren kann.

Den Wert der Worte zu schätzen heißt, die Wertedimension wieder zu gewinnen, in der ihr Wert überhaupt erkannt werden kann.

Was dabei Wort und Wert heißt und wie diese Dimension wiederhergestellt werden könnte, wird Thema meiner folgenden Beiträge sein.



Dr. Gerhard Hofweber ist akademischer Rat für Philosophie an der Universität Augsburg
und Inhaber des
Instituts für Philosophie und Wirtschaft.

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