Montag, 19. September 2011

Handwerker sind wir

von Haug von Kuenheim

Vor ein paar Tagen fragte ich Fritz Stern, den in Breslau geborenen Historiker aus New York, ob er in wenigen Sätzen erklären könne, was einen guten Historiker ausmache. „Das geht auch in wenigen Worten: guter Quellenarbeiter, guter Stilist, phantasievoll.“

Das rechte Wort zu finden, um etwas exakt auszudrücken, es scheint so leicht zu sein. Hat nicht jeder von uns lesen und schreiben gelernt? Subjekt, Prädikat, Objekt? Natürlich! Und doch. In der Flut von bedrucktem Papier, die täglich über uns hereinbricht, sind es immer wieder Wörter, die um unsere Aufmerksamkeit heischen. Mit Wörtern preisen Unternehmen ihre Produkte an, mit Wörtern kämpfen Parteien um die Gunst ihrer Wähler, die Computer werden mit Wörtern gefüttert, und natürlich sind für uns Journalisten Wörter das A und O.

Wir schreiben nicht für uns, nicht um unser Ego zu befriedigen. Wir schreiben für Sie, den Leser. Wir sind keine Dichter, nicht einmal Schriftsteller, wir sind Handwerker. Unser Werkzeug ist die deutsche Sprache. Ob wir nun über den Euro berichten oder über das jüngste Konzert der Sophie Mutter, wir müssen unsere Worte so setzen, dass der Leser versteht, worum es geht. Und wir müssen der Sache, gleich welcher, gerecht werden. Das bedeutet nicht nur, dass wir die Materie beherrschen, über die wir schreiben, sondern dass wir unsere Worte genau wählen, den treffenden Ausdruck finden. Das alles scheint so simpel. Darüber braucht man doch keine Worte zu verlieren.

Ja, wenn es denn so wäre. Leute wie Wolf Schneider, der viele junge Journalisten auf den Weg gebracht hat und versuchte, ihnen gutes und klares Deutsch beizubringen, wissen davon ein Lied zu singen.

Mit anderen Worten – Worte sind wertvoll. Aber das ist nun wirklich ein weites Feld, um Fontane zu zitieren.

Haug von Kuenheim ist Journalist, Buchautor
und ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der Zeit.

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