Donnerstag, 22. September 2011

Ein Plädoyer für mehr Qualität - Gedanken zur Zukunft des Journalismus

von Prof. Dr. Richard Vielwerth

Sowohl bei den Verlegern als auch bei den Journalisten hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten nicht nur ein „Generationswechsel“ sondern auch ein „Rollenwechsel“ vollzogen. Während der Verleger in den 50 und 60er Jahren vorrangig Publizist gewesen ist, ist er heute durch und durch vor allem ein Kaufmann und muss das auch sein. So hat der Vorrang des ökonomischen Erfolgs eines Medienorgans in vielen Fällen seine öffentliche Verantwortung zurückgedrängt. Aus der zunehmend stärker gewordenen ökonomischen Orientierung der Verlage hat sich auch die Gefahr ergeben, dass anstelle der Einflussnahme durch politische Vorgaben des Verlegers eine Fremdbestimmung getreten ist, ausgelöst durch den Zwang einen möglichst hohen Ertrag zu erwirtschaften, was sich wiederum kontraproduktiv auf die Entwicklung der inneren Pressefreiheit ausgewirkt hat.

Aber auch bei den Journalisten hat sich ein Generations- und Rollenwechsel vollzogen und das journalistische Selbstverständnis hat sich geändert. War der Journalist der 60er und 70er Jahre noch mehr politischer Akteur als neutraler Vermittler, so hat sich diese Haltung heute eher umgekehrt. Natürlich sollen Journalisten informieren und nicht indoktrinieren, die Frage ist aber, ob sich ein neutraler Vermittler kämpferischer für das hohe Gut der „Inneren Pressefreiheit“ einsetzt als jemand, der sich mehr als Anwalt des Publikums bzw. der Öffentlichkeit sieht und den Inhabern der Macht genau auf die Finger schaut. Der härter gewordene Run um das beste Bild und die schnelle Jagd nach dem ersten Bericht lassen zudem oftmals wenig Raum für die detailliertere Ausgestaltung interner Erfordernisse. Die Journalisten müssen sich darüber hinaus mehr und mehr auch um redaktionelles Marketing, die Effizienz der Arbeitsorganisation, um wettbewerbsfähige Formate und um das Kostenmanagement kümmern. Ebenso Publizist und Kaufmann sein zu müssen, fördert sicher nicht die Möglichkeiten, weitere notwendige Schritte zugunsten von mehr innerer Pressefreiheit einzuleiten. Zudem gehen knappe Personalressourcen in den Redaktionen oftmals auf Kosten des Informationsgehalts, die Nachfrage nach den immer gleichen, häufig klischeebehafteten Themen steigt und der stärker werdende Vorrang des Anzeigengeschäftes bewirkt in diesem Zusammenhang ein Übriges.

Dies alles lässt die Frage virulent werden, ob die Redakteure unter den beschriebenen Bedingungen überhaupt künftig noch in der Lage sein werden, sich in schwierigen Verhandlungen für ihre publizistische Freiheit einzusetzen.

Der Strukturwandel im Journalismus und die damit verbundene Professionalisierungsdebatte verlangen nun aber nach nachhaltigen rechtsverbindlichen Innovationen und Neuerungen im Bereich der inneren Pressefreiheit und eine klare Operationsalisierung des Begriffes „öffentliche Aufgabe“. Stichworte wie „Vermischung zwischen PR und Journalismus“, „Boulevardisierung der Medien und Medieninhalte“, „Multimedialisierung“, „Anpassungszwänge der Medienorgane aufgrund der Ausweitung der elektronischen Medien“ und auch eine rigider gewordene Personalpolitik erfordern klare, rechtsverbindliche Regelmechanismen, damit die öffentliche Aufgabe der Medien nicht in Gefahr gerät. Darüber hinaus könnten und sollten die Journalisten selbst die Möglichkeiten, die das Web 2.0 bietet, besser nutzen, um basisdemokratisch mehr öffentlichen Druck für eine gesetzliche Regelung der inneren Pressefreiheit zu erzeugen. Wichtig wäre es, kontinuierlich den Finger in die Wunde zu legen und die Verlegerseite immer wieder darauf hinzuweisen, dass Qualität und Auflage/Quote sich nicht ausschließen, sondern die Qualität immer die Voraussetzung des wirtschaftlichen Erfolges war.

Ein wesentlicher Bestandteil einer funktionierenden demokratisch-freiheitlichen Gesellschaft ist ein qualitativ hochwertiger und kritisch hinterfragender Journalismus. Um eine hohe Qualität der Formate und Inhalte sicherzustellen, benötigen Journalisten neben Neugier, Leidenschaft, Verantwortung und solidem handwerklichen Können vor allem mehr Zeit für eine qualitativ hochwertige Arbeit zur Weiterentwicklung unserer freiheitlichen Demokratie.

Prof. Dr. Richard Vielwerth lehrt Journalistik

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen