Dienstag, 5. Juli 2011

Vom Kampf nach Worten

Wenn ich den Wert von Worten bemessen möchte, muss ich mich nur mit Herrn R. unterhalten. Aufgrund meines Berufes passiert mir das ziemlich oft, Herr R. ist ein Gesprächspartner, auf den – oder, genauer gesagt, auf dessen Worte – ich oft angewiesen bin.

Herr R. hat eine verantwortungsvolle Position in einem Unternehmen inne, über das wir des Öfteren berichten. Wir, das ist meine Zeitung, ich bin Journalist und berichte über das Unternehmen von R.

Dabei rede ich eigentlich sehr gerne mit Herrn R. Das Gespräch mit ihm selbst verläuft meist in einer angenehmen Atmosphäre. Oft lacht einer von uns beiden sogar über den Witz des anderen, während wir uns unterhalten.

Die Arbeit – und damit meine ich den Kampf nach Worten – fängt stets erst an, nachdem ich mit R. geredet habe. Er möchte nach jedem Gespräch seine Zitate, die ich aus unserem Gespräch für meinen Artikel verwende, durchsehen und kontrollieren. Dazu sende ich R. eben jene Worte per E-Mail und bitte ihn dabei, „sollte inhaltlich etwas falsch sein“, mir das mitzuteilen.

Es ist eine Höflichkeitsfloskel, die als eine Art Gong fungiert. Gong. Runde eins. Denn R. hat fast immer etwas an der Art und Weise seiner Worte, die nun nicht mehr seine sein sollen, auszusetzen. Da ich allerdings meist auch wenig Gefallen an seinen neuen Worten, die in unserem Gespräch eben nicht seine Worte waren, finde, beginnt nun ein zähes Ringen um Worte.

Ich antworte ihm, bitte ihn darum, so viel als möglich der Worte, die ich in unserem ursprünglichen Gespräch von ihm eingefangen habe, auch verwenden zu dürfen. Es geht mir dabei natürlich nicht um die Worte, die wie Käfer die Seite entlangkrabbeln. Man benötigt sie zwar auch, um einen Text zu füllen, aber in diesem Kampf geht es nicht um sie. Es geht um die Worte, die wie Glühwürmchen sind, die die Reizpunkte innerhalb des Textes sind. R. hat sie manchmal in einer unbedachten Sekunde aus seinem Mund gelassen, vielleicht als wir gerade gelacht haben und er unkonzentriert war. Manchmal hat er sie auch mit Absicht gewählt und gibt sie mir in einem Anflug von Spenderfreudigkeit aus. Manchmal will er sie aber auch wieder einfangen, damit ich sie nicht verwenden kann.

Aber ich will, dass sie mir gehören. Und ich will, dass diese Worte meinen Text zu etwas Wertvollem machen. Und dafür kämpfe ich mit R. darum. Manchmal gelingt es mir, manchmal nicht.

Wie wertvoll diese Worte sind, sehe ich am nächsten Tag in der Zeitung. Nehmen Sie sich die Zeit und erkennen Sie, wie sehr wir jeden Tag um Worte gerungen haben. Bei Zitaten. Aber auch bei Überschriften, beim ersten Satz in einem Text. Mit Leuten wie R., aber auch mit uns selbst.

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