Donnerstag, 23. Juni 2011

Ein ganz normaler Tag in der Lokalredaktion

06.50 Uhr
Der Wecker klingelt. Aufstehen. Duschen. Zeitung aus dem Briefkasten holen. Radio an.

7.35 Uhr
Computer starten. Kaffee. Mails checken. Nachrichtenseiten und eigenes Onlineportal querlesen.

8.35 Uhr
Fahrt in die Redaktion.

8.50 Uhr
Rechner starten - warten. Mails checken. Anrufliste auf dem Telefon prüfen: drei Nummern, zwei davon unbekannt. Die dritte ist vom Chef des örtlichen Tourismusverbands. Stimmt, die Geschichte mit den neuen Plakaten. Wird sich schon wieder melden. Kalender durchsehen: Heute Abend ist Gemeinderat.

9.10 Uhr
Unbekannte Nummer zurückrufen. Eine Leserin. In der Terminankündigung für den Töpfermarkt am Wochenende sei ein Zahlendreher drin. Korrektur für nächsten Tag versprochen. Anruf bei der Gemeindeverwaltung. Ja, man schickt die Tagesordnung der Sitzung heute Abend. Kommt per Mail. 

09.30 Uhr
Redaktionskonferenz. Ein Kollege krank, einer Urlaub. Bleiben drei. Themenlage mau. EHEC könnte man doch spielen, die regionalen Auswirkungen. Dazu Vereinsseite, lokaler Sport, Polizei. Und Einweihung der neuen Schulturnhalle. Der Volontär soll in die Stadt, Straßeninterview.

10.00 Uhr
Telefonrecherche des Aufmachers für den nächsten Tag: Auswirkungen von EHEC auf die Landwirte der Region. Zwei Bauern, Bauernverband, Gesundheitsamt. Was für ein Glück, tatsächlich alle erreicht.

10.50 Uhr
Mail-Info der Polizei: Schwerer Unfall mit Motorradfahrer. Leider gut 15 Kilometer entfernt und kein freier Mitarbeiter vor Ort. Das wird wohl eine reine Meldung. Ohne Bild. Kurzmeldung für Online abgesetzt.

11.30 Uhr
Fototermin bei Landwirt, 8 Kilometer von der Redaktion entfernt. EHEC-Bericht muss bebildert werden.

12.40 Uhr
Anruf vom Chef vom Dienst aus der Zentrale. Für morgen muss eine Seite mehr produziert werden. Sechs statt fünf. Protest ist zwecklos.  

12.50 Uhr
20 Zeilen Kurzversion des EHEC-Berichts für Online.

13.00 Uhr
Zum Metzger nebenan, Mittagessen holen. Essen am Schreibtisch. Gleichzeitig Redigieren von Vereinsberichten.

13.35 Uhr
Die Online-Redaktion ruft an. Bei Facebook laufe eine spannende Diskussion über die Müllgebühren vor Ort. Ob man die schon gesehen habe. Hat man nicht. Sieht man sich aber an. Später.  


13.45 Uhr
Pressebericht der Polizei ist da. Zwei Einbrüche, zwei leichtere Unfälle. Dazu: Warnung vor Trickdieben, die in der Stadt unterwegs sind. Telefonische Nachfrage beim Polizeisprecher. Gibt 70 Zeilen her - Aufsetzer auf der ersten Lokalseite.

20 Zeilen Kurzversion für Online.

14.15 Uhr
Verfassen des Aufmachers. 100 Zeilen, drei Bilder. Überprüfung des Maileingangs. Drei Pressemitteilungen, sechs Spam, eine Leseranfrage zu einem drei Monate alten Artikel. Beantwortet.

15.20 Uhr
Anruf der Bayernredaktion. 20 Zeilen Text für das überregionale EHEC-Summary werden dringend erbeten. Gleich geschrieben - einfach die Online-Version abgekupfert.

15.40 Uhr
Das Telefon klingelt. Der Vorsitzende der Bürgerinitiative gegen den geplanten Schweinemastbetrieb ist dran. Schildert die neuen Pläne der Initiative. Spannend, aber leider sehr langatmig. Abbruch des Gesprächs nach 15 Minuten. Rückruf versprochen.

16 Uhr
Schreiben des Berichts über die Trickdiebe.

16.10 Uhr
Mail aus der Zentrale. Die Systeme müssen leider kurz heruntergefahren werden. Bitte alle Arbeiten einstellen.


16.24 Uhr
Mail aus der Zentrale. Systeme laufen wieder. Mit Bitte um Verständnis. Naja.

16.40 Uhr
Anruf eines freien Mitarbeiters. Am Wochenende ist ein Festumzug im Dorf, für das er zuständig ist. Ob ein Bericht mit Bild gewünscht ist. Ist er. 60 Zeilen plus Bild. Und bitte eine Bildergalerie für Online.

17.10 Uhr
Bauen der Vereinsseite. Kollegin ruft herüber. Ob man noch beim Redigieren helfen könne. Sie ist unter Druck, wegen der zusätzlichen Seite. Man kann. Der Volontär hat Probleme beim Bearbeiten der Interview-Bilder.

17.45 Uhr
Das Telefon klingelt. Ein Leser ist dran. Er fährt in den Urlaub und möchte in der Zwischenzeit die Zeitung abbestellen. Freundlich an den Vertrieb verwiesen.

17.55 Uhr
Überprüfen des Maileingangs. Zwei Pressemitteilungen. Vier Spam. Und die Tagesordnung für die Gemeinderatssitzung am Abend ist auch endlich da. 

18.10 Uhr
Redigieren der dritten Lokalseite. Aufmacherbild ausgetauscht. Seite fertig, gerade noch. Leider spinnt der Drucker, ausgerechnet. Dann eben kein Korrekturlesen mehr.

18.40 Uhr
Fahrt zum Gemeinderat.

19.05 Uhr
Beginn der Sitzung. Feststellung der Anwesenheit. Genehmigung der Niederschriften der vergangenen Sitzung. Bauanträge. Festlegung der Freibadpreise. Künftige Vereinsförderung. Sanierung des Ortskerns. Verbesserung der Breitband-Infrastrukur im Ort.

21.15 Uhr
Ende der Sitzung. Stellvertretender Bürgermeister bittet um ein kurzes Gespräch vor der Tür. Die Geschichte mit dem Schweinemastbetrieb. Nichts gegen Pressefreiheit natürlich. Aber ob man der Bürgerinitiative wirklich immer so viel Platz einräumen müsse in der Berichterstattung? Man muss. Wegen der Gerechtigkeit.

21.55 Uhr
Ende des Arbeitstages.

Und es hat mal wieder Spaß gemacht.

Kommentare:

  1. Genau so isses - und darum sollen die laufend sinkende Zahl von Redakteuren, die noch nicht durch "feste" Freie, Leiharbeiter, Praktikanten, etc. ersetzt wurden, künftig n schönes Stück weniger verdienen... Durchhalten! Gruß aus Bayern

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  2. Ich möchte nur kurz erwähnen, dass auch die "festen" Freien den gleichen Tagesablauf haben! Mit deutlich niedrigeren Pauschalen, ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, ohne Übernahme von Sozialbeiträgen, ohne Urlaub - natürlich ohne Urlaubsgeld... Und das, obwohl sie teilweise besser ausgebildet sind, als viele der älteren Redakteure in den Redaktionen. Warum man das mitmacht? Weil man die Hoffnung nicht aufgibt,den Job so liebt - noch....
    Kämpft für den Erhalt von Stellen, kämpft für eine gerechte Bezahlung - auch für die, die sich nicht trauen mit rot-weißen Verdi- und DJV-Plakaten auf die Straße zu gehen, eben weil sie keinen Vertrag haben, aber gerne irgendwann mal einen hätten!
    Gruß aus Schlewig-Holstein

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